Überwachung, Stille und Kinderwagen: Ein Gespräch mit alfatih

Alfatih, ssloop.enterprises, 2025, «Pax Art Awards 2024», 2025, HEK, photo: Franz Wamhof
Fatima Salum Said aus dem Vermittlungsteam des HEK spricht mit alfatih, einem der Gewinner:innen der Pax Art Awards 2024, über Überwachung, Stille und die fliessenden Grenzen zwischen Mensch und Maschine.

Im Rahmen der diesjährigen Pax Art Awards-Ausstellung (15. Februar – 27. April 2025 im HEK in Basel) zeigt der in der Schweiz lebende Künstler alfatih Arbeiten, die auf subtile, aber unumkehrbare Weise erfahrbar machen, wie sich Technologie in unseren Alltag einschreibt. Die drei präsentierten Werke sind bewusst interaktiv angelegt – sei es durch Spiel, körperliche Bewegung oder Neugier: Die Beteiligung der Betrachtenden ist integraler Bestandteil der Erfahrung. Technisch komplex und konzeptuell vielschichtig, hinterfragen die Werke menschliche Handlungsspielräume innerhalb spekulativer, oft verstörender Erzählungen. Auch wenn die melancholischen, teils morbiden virtuellen Umgebungen dies nicht auf den ersten Blick vermuten lassen, laden sie dazu ein, unsere zunehmend fluide und digitalisierte Realität zu reflektieren.

Als Vermittlerin am HEK fasziniert es mich, wie unterschiedlich Menschen auf Kunst reagieren – besonders bei Führungen mit Schulklassen oder jungen Besuchenden. Manche Werke wecken reine Neugier, andere – wie die von alfatih – laden zur aktiven Teilnahme ein. Seine Arbeiten tun etwas Besonderes: Sie verwischen die Grenze zwischen Betrachtenden und Teilnehmenden.

Alfatih, ssloop.enterprises, 2025, «Pax Art Awards 2024», 2025, HEK, Foto: Franz Wamhof

Ein besonders eindrückliches Beispiel ist ssloop.enterprises (2025), ein Arcade-ähnliches Videospiel, in dem die Spielenden die Rolle eines:einer Angestellten in einem fiktiven Pharmaunternehmen übernehmen, das sich auf Anti-Aging-Medikamente spezialisiert hat. Das Ziel? Zeitmanagement optimieren – unter konstantem Druck von oben. Doch jede ethische Entscheidung hat ihren Preis: Wer Moral über Effizienz stellt, bringt die Maschine zum Überhitzen. Die eigens gebaute Spielkonsole legt ihre Mechanik offen – durch ihren Prozessor zirkuliert ein mit dem Blut des Künstlers angereichertes Kühlmittel. In dieser verstörenden Verschmelzung von Mensch und Maschine stehen die Spielenden vor der Entscheidung: die passiven Figuren retten oder das System überleben lassen?

Gerade diese Mischung aus Spielfreude und Unbehagen macht alfatihs Arbeiten so fesselnd. Auf den ersten Blick wirken sie wie Spiele – doch schon bald werfen sie tiefere Fragen nach Macht, Arbeit und den immer durchlässigeren Grenzen zwischen Technologie und Menschsein auf. Um diese Themen besser zu verstehen, habe ich mit alfatih über die Rolle von Technologie, Identität und Interaktion in seiner Arbeit gesprochen.

Distanz, Identität & Teilhabe

Fatima: Deine Arbeiten schaffen oft eine gewisse Distanz – durch Spiegel, digitale Avatare oder Anonymität. Ist das etwas, das du bewusst anstrebst, oder ergibt sich das eher von selbst?

alfatih: Ich bleibe lieber auf Abstand.

Fatima: Wenn jemand deine Arbeit zum ersten Mal erlebt – was hoffst du, bleibt hängen?

alfatih: Ich hoffe, dass etwas im Unaussprechlichen nachklingt.

Fatima: Deine Werke haben etwas Poetisches. Sie lassen digitale Räume fast menschlich wirken. Siehst du das Internet als Ort der Verbindung oder der Isolation?

alfatih: Beides kann geschehen. Es ist keine separate Realität, sondern einfach eine andere Art zu existieren.

Fatima: Und wenn das Internet morgen verschwinden würde – was würdest du am meisten vermissen?

alfatih: Vermutlich bestimmte Arten der Kommunikation. Aber insgesamt würde ich mich anpassen. Technologie ist nicht der Kern meiner Arbeit – sie ist ein Werkzeug. Sie taucht darin auf, weil sie Teil unserer Realität ist. Wenn sie verschwände, würde ich etwas anderes finden.

Fatima: Interessant – du hast mal gesagt, dass du dich selbst nicht wirklich als «New Media Artist» bezeichnest.

alfatih: Mit diesem Begriff kann ich nichts anfangen.

Alfatih, A Way Out of Time, 2024, «Pax Art Awards 2024», 2025, HEK, Foto: Franz Wamhof

Überwachung, Interaktion & Kontrolle

Fatima: Viele deiner Werke spielen mit der Spannung zwischen Beobachten und Beobachtet-Werden. Denkst du, Menschen verhalten sich anders, wenn sie wissen, dass sie beobachtet werden?

alfatih: Einige Arbeiten thematisieren das, ja. Und ja, viele sagen, dass es ihnen nichts ausmacht, beobachtet zu werden, weil sie nichts zu verbergen haben. Aber wenn dir jemand den ganzen Tag folgt und jede deiner Bewegungen beobachtet, würdest du das merken. Man wird vorsichtiger, aufmerksamer gegenüber dem eigenen Verhalten.

Fatima: Ich habe kürzlich eine Doku über Datentracking gesehen – selbst Musik- und Dating-Apps sammeln und verkaufen Standortdaten. Manche Leute zucken nur mit den Schultern und sagen, es betreffe sie nicht direkt. Mir wurde dabei klar, wie selbstverständlich wir es inzwischen hinnehmen, überwacht zu werden, ohne es zu hinterfragen.

alfatih: Überwachung wirkt am effektivsten, wenn sie unsichtbar bleibt. Wenn man sich nicht beobachtet fühlt, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass man sich wehrt – oder sie überhaupt bemerkt.

Fatima: Deine Installation A Way Out of Time zieht die Besuchenden in eine Geschichte hinein, ohne dass ihnen sofort bewusst wird, dass sie Teil davon sind. Haben traumähnliche Erlebnisse in einer hypertechnologisierten Welt noch ihren Platz?

alfatih: Ich habe diese Arbeit nicht unter dem Aspekt von Träumen entwickelt. Sie entstand vielmehr aus dem Interesse an den expliziten und impliziten Regeln, die das Kunsterleben in Institutionen prägen.

Fatima: Deine Arbeiten bewegen sich oft im Spannungsfeld von Kontrolle und Unvorhersehbarkeit. Was interessiert dich daran?

alfatih: Einige Arbeiten greifen das auf, ja. Es ist eine Bühne, um mit Dynamiken zu experimentieren, wie man sie etwa aus dem Bereich von Governance oder Architektur kennt.

Alfatih, Trojan Horse, 2025, «Pax Art Awards 2024», 2025, HEK, Foto: Franz Wamhof

Erinnerung, Vergänglichkeit & zukünftige Ideen

Fatima: Gibt es eine Idee, die du schon lange erkunden wolltest, aber bisher noch nicht umgesetzt hast?

alfatih: Ökonomie.

Fatima: Damit habe ich nicht gerechnet. Warum ausgerechnet Ökonomie?

alfatih: Sie ist allgegenwärtig und unsichtbar, aber sie bestimmt, wie wir leben, was wir wertschätzen und was wir für möglich halten.

Fatima: Apropos unsichtbar… glaubst du, dass Erinnerungen – ob menschlich oder digital – wirklich dauerhaft sind? Oder verblassen sie irgendwann?

alfatih: Sie verändern sich eher, als dass sie verblassen. Aufnahmen können ein Erlebnis nie exakt wiedergeben. Jedes Mal, wenn du dich an etwas erinnerst, veränderst du es ein Stück. Irgendwann werden häufig erzählte Erinnerungen zu Geschichten – und Geschichten zu Mythen.

Fatima: Wenn deine Kunst jenseits des Digitalen oder von Installationen existieren könnte – wo würde sie leben?

alfatih: Im Essen.

Fatima: Im Essen? Okay, letzte Frage: Wenn deine Kunst allen, die ihr begegnen, einen einzigen Satz zuflüstern könnte – was würde sie sagen?

alfatih:

Fatima: Nur Stille?

alfatih: Ja. Stille.

Vielen Dank an alfatih für das Teilen seiner Gedanken zu Technologie, Identität und den unsichtbaren Kräften, die unser digitales Leben prägen. Seine Arbeiten sind derzeit im HEK im Rahmen der Ausstellung , «Pax Art Awards 2024», zu sehen – vom 15. Februar bis zum 27. April 2025.