Der Ozean in deinen Lungen: Warum Plankton zählt
Was sind Plankton – und warum sollten wir uns dafür interessieren?
Während du das hier liest, atmest du das Meer ein. Nicht im wörtlichen Sinn, es sei denn, du sitzt mit Taucherausrüstung unter Wasser. Aber mit jedem Atemzug gelangt Sauerstoff in deine Lunge, der zu rund 50 Prozent von winzigen Organismen stammt, die im Wasser um uns herum treiben.
Diese Lebewesen, zusammengefasst unter dem Begriff Phytoplankton, sind mit blossem Auge unsichtbar und trotzdem halten sie unser aller Leben aufrecht. Das Wort «Plankton» stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie «Umherschweifende» oder «Driftende». Genau das tun sie: Sie treiben durch die Weltmeere in unvorstellbar grossen Mengen. Würde man alle bekannten Arten dieser Mikroalgen aneinanderreihen, würde die Kette bis zum Mond reichen – eine 400’000 Kilometer lange Lebenslinie.
Ihre Vielfalt ist beeindruckend. Nehmen wir zum Beispiel die pflanzenartigen Vertreter:innen, also das Phytoplankton. Selbst innerhalb dieser Gruppe ist die Bandbreite riesig. Diatomeen bauen kunstvolle, gläsern wirkende Schalen, deren mikroskopisch kleine Strukturen Architekt:innen und Ingenieur:innen inspirieren. Dinoflagellaten bewegen sich mithilfe von peitschenartigen Fortsätzen, sogenannten Geisseln, durchs Wasser. Einige Arten können sogar selbst Licht erzeugen – ihre Biolumineszenz sorgt nachts für das magische blaue Leuchten in den Wellen.

Diatomee Asterionella, ca. 40 µm. Nordsee, Deutschland. Foto: Anthea Oestreicher.

Glashäuser im Mikroformat. Diatomee Coscinodiscus, ca. 200 µm. Ostsee, Deutschland. Foto: Anthea Oestreicher.

Dinoflagellat Stareso. Foto: Anthea Oestreicher.
Wie der Ozean das Atmen lernte
Um ihre Bedeutung zu verstehen, müssen wir rund drei Milliarden Jahre zurückblicken. Die Atmosphäre der jungen Erde bestand aus Kohlendioxid, Stickstoff, Ammoniak und Methan – ganz anders als die Luft, die wir heute einatmen. In dieser fremden Welt gelang manchen Cyanobakterien ein evolutionärer Sprung: Sie «erfanden» die Photosynthese.
Mit dieser Fähigkeit konnten sie Sonnenlicht, Wasser und Kohlendioxid in Energie und Sauerstoff umwandeln. Uns ist dieser Vorgang aus dem Biologieunterricht vertraut, doch damals war er revolutionär. Diese Einzeller überlebten nicht nur im frühen Ozean, sie veränderten den ganzen Planeten. Sie setzten Sauerstoff frei und schufen so die Grundlage für komplexes Leben.
Und das tun sie bis heute. Phytoplankton betreiben weiterhin Photosynthese und produzieren rund die Hälfte des globalen Sauerstoffs – etwa gleich viel (wenn nicht mehr) als alle Landpflanzen zusammen. Jeder zweite Atemzug geht also auf ihr Konto.

Porträt als Tauchende. Giglio, Italien. Foto: unbekannt
Das blühende Meer
Sind sie wirklich alle unsichtbar? Nicht ganz. NASA-Wissenschaftler:innen sprechen vom «atmenden Planeten» («A Breathing Planet, Off Balance» – NASA, 2015), um die sichtbaren Rhythmen des planetaren Gasaustauschs zu beschreiben. Auf Satellitenbildern im Frühling erscheinen türkise und grüne Wolken im Ozean – gigantische Blüten aus Phytoplankton, sichtbare Photosynthese im Grossformat. Diese sogenannten Blooms treten saisonal auf, wenn die Wachstumsbedingungen stimmen. Mit den Jahreszeiten kommen auch Stürme, die das Wasser aufwirbeln und Nährstoffe aus der Tiefe an die Oberfläche bringen. Ein ewiger Kreislauf.
Die Idee vom atmenden Planeten ist allerdings nicht neu. Viele indigene Kulturen haben diese planetaren Rhythmen seit jeher erkannt. Die Rarámuri nennen dieses Prinzip «iwigara» (Enrique Salmón, 2020) – ein Begriff, der die Verbundenheit von Atem und Leben beschreibt. Auch die Cree, Salish St’át’imc und Yup’ik verstehen Land und Himmel als lebendige, atmende Systeme (Siragusa et al., 2020). Die westliche Wissenschaft beginnt gerade erst zu begreifen, was viele Gesellschaften schon immer wussten: Unser Planet atmet und wir sind Teil dieses Rhythmus. Und im Zentrum davon steht das Phytoplankton.

Wikimedia Commons: Scala dei Turchi
Das Nachleben des Planktons
Und wie steht es um den Kohlenstoff? Auch nach ihrem Tod bleibt Phytoplankton relevant. Die Kreidefelsen von Dover, die Scala dei Turchi in Italien oder die Kreideküste auf Rügen – sie alle bestehen aus den Überresten urzeitlicher Planktonorganismen.
Coccolithophoriden, eine weitere Art von Phytoplankton, umgeben sich mit winzigen Kalkplatten. Wenn sie absterben, sinken diese Plättchen zum Meeresboden und bilden im Lauf der Zeit Kalkstein. Über Millionen Jahre werden diese Sedimente aufgetürmt zu den weissen Klippen, die heute viele Küsten prägen. Sie werden sogar abgebaut und zu Baumaterial für Städte und Denkmäler verarbeitet. Doch das ist noch nicht alles.
Auch für das Klima ist ihr Nachleben entscheidend. Mit dem Absinken nehmen Coccolithophoriden Kohlenstoff mit in die Tiefe und binden ihn dort – fernab der Atmosphäre. Dadurch helfen sie, das Klima zu regulieren. Dank Plankton kann der Ozean fast ein Drittel aller menschengemachten CO₂-Emissionen aufnehmen.

Planktonnetz im Wellengang vor Lerici, Italien. Foto: Raphael Berr. Credit: Anthea Oestreicher.
Ein atmender Planet
Warum ist das für uns jetzt wichtig? Dieses uralte System ist bedroht. Der Klimawandel erwärmt und versauert die Ozeane. Das erschwert es Phytoplankton, ihre schützenden Strukturen zu bilden, und stört die empfindlichen Zyklen, die sie seit Milliarden Jahren aufrechterhalten. Wir alle kämpfen mit den Folgen der rasanten Veränderungen, die wir selbst angestossen haben.
Plankton zu verstehen bedeutet nicht nur, Naturwunder zu bestaunen. Es verändert auch unseren Blick auf uns selbst. Diese mikroskopisch kleinen Wesen verbinden uns mit evolutionären Urprozessen, mit den Rhythmen der Meere und mit der alltäglichen Pflege des Planeten. Sie zeigen uns: Die Systeme, in denen wir leben, sind lebendig, dynamisch und verletzlich.
Wie können wir unsere Perspektive verschieben? Wie begreifen wir, dass die Luft, die wir atmen, das Klima, in dem wir leben, und die Steine unter unseren Füssen Spuren dieser winzigen Strukturen tragen? Ihre Anpassungsfähigkeit ist der Schlüssel zu ihrem Erfolg. Sie haben Wege gefunden, in praktisch allen Gewässern zu leben – in Ozeanen, Seen, Flüssen und Tümpeln. Von tropischen Oberflächen bis in die dunklen Tiefen der Polarregionen bewohnen sie mehr Lebensräume als fast jedes andere Wesen auf diesem Planeten.
Am bemerkenswertesten ist vielleicht ihre Fähigkeit, das Unsichtbare sichtbar zu machen – wenn wir nur genau hinschauen. Sie zeigen uns, dass wir auf einem atmenden Planeten leben, eingebettet in uralte Zyklen, weit älter und grösser als die Menschheit. Durch sie erkennen wir: Wir sind nicht getrennt von der Natur, sondern Teil einer alten Lebensgemeinschaft, die denselben Atem, dasselbe Wasser und dieselbe Überlebensgeschichte teilt – auf einem kleinen blauen Planeten.
Neugierig geworden?
Wenn du tiefer eintauchen möchtest, komm am Samstag, 10. August 2025 zum nächsten TechBrunch im HEK! Gemeinsam mit Anthea Oestreicher untersuchen wir Wasserproben, entdecken Plankton unter dem Mikroskop und reflektieren über die empfindlichen Systeme, die uns mit mehr-als-menschlichem Leben verbinden. Der Workshop findet im Rahmen des Finissage-Wochenendes der Ausstellung Other Intelligences statt. Alle Infos dazu findest du hier.
Und bis dahin? Hier ein paar Links, die Anthea zum Weiterstöbern empfiehlt:
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Video-Installation von Anthea Oestreicher
Kürzlich auf der YAS Emerging Artist Platform präsentiert
(Bald auch auf Anthea’s YouTube-Kanal verfügbar) -
NASA – A Breathing Planet, Off Balance
Satellitenaufnahmen von saisonalen Phytoplankton-Blüten:
Watch on YouTube -
David Attenborough über Phytoplankton
Ein kurzer Ausschnitt über die Kraft dieser winzigen Wesen:
Watch on YouTube
Wir freuen uns auf deinen Besuch im HEK!