Neuer Zugang für die Sammlung

Four Transitions (2020) heisst das neue Werk des Schweizer Künstlers Jürg Lehni, das durch eine Schenkung der Christoph Merian Stiftung Eingang in die Sammlung des HeK gefunden hat.

Aktuell ist die Arbeit im Hauptsitz der Christoph Merian Stiftung in Basel installiert. Zusätzlich zum Interview, das unsere Direktorin Sabine Himmelsbach mit dem Künstler vor dem Werk führte, bietet der Werktext von Bettina Back weitere Informationen zur neuen Internetbasierten und multimedialen Installation von Jürg Lehni. Auf unserer Sammlungsseite sind weitere technische Details zu finden.

Four Transitions Werkbeschreibung von Bettina Back:

Die Installation Four Transitions, 2020, des interdisziplinär arbeitenden Schweizer Künstlers Jürg Lehni besteht aus vier an die Wand montierten Displayboxen. Auf ihnen ist jeweils eine Ziffer in charakteristisch unterschiedlichen Farbigkeiten und Techniken im Entstehen begriffen.

Im Zusammenhang mit Neuen Medien und Internetbasierter Kunst, wo offene Werkbegriffe und bewegte Bild- und Werkstrukturen in ihrem Bezug zum Rezipienten im Zentrum stehen, rückt vermehrt die performative Seite der Werke ins Zentrum, die Frage nach dem Wie ist etwas dargestellt? Seit der Postmoderne erweist sich die Frage nach der semiotischen Seite der Werke, Was ist dargestellt? als zunehmend entweder sehr direkt oder als so universell und umfassend, dass beides dem Werk nicht wirklich gerecht zu werden vermag.

Im Fall der Four Transitions ist dementsprechend die erste Frage nach dem Was? schnell beantwortet: Gemeinsam ergeben die vier Displays die Anzeige einer digitalen Uhr in Echtzeit. Umso deutlicher entwickelt das Werk seine Tiefendimension, wenn dieser Einfachheit des semiotischen Aspekts die komplexe Vielschichtigkeit der Performativität des Werkes gegenübergestellt wird.

Die nahezu gleich grossen schwarzen Boxen wurden eigens für die von ihnen beherbergte Technik angefertigt, welche von links nach rechts gesehen einen diachronen Schnitt durch die Entwicklung der technischen Möglichkeiten von Displays im öffentlichen Raum seit den 1950er Jahren gibt. Jede Box enthält einen Mikrocomputer und kommuniziert mit den anderen. Eine ist mit dem Internet verbunden, um die Uhrzeit des aktuellen Standorts des Werkes zu beziehen. Alle Displays errechnen ihre Darstellung in Echtzeit, dabei wird jede Ziffer einmal pro Minute neu aufgebaut. Daraus ergibt sich ein quasi unendlich sich wandelndes Zusammenspiel der vier Displays in Echtzeit. Darin besteht, zusätzlich zu der Überschneidung von aktueller Zeit und Historizität der Technologien, der selbstreflexive Aspekt des Werkes: In der Engführung der Dauer des Werkes mit der realen Verweildauer der Rezipienten.

Die erste Ziffer wird mittels der schwarz-weissen Flip-Dot Technik aus den frühen 1960ern dargestellt. Die einzelnen, matten Tafeln des schwarz-weissen Punktrasters werden elektromagnetisch gewendet. Das charakteristische Klicken, das den meisten von uns von den Anzeigetafeln an Bahnhöfen und Flughäfen vertraut ist, begleitet etwa eine Eins, welche immer wieder neu entsteht und vergeht. Die zweite Ziffer wird durch das charakteristische violett-blau-weisse Raster aus LCD Flüssigkristallen gebildet. Die leuchtenden Rechtecke mit abgerundeten Ecken begegnen uns seit den 1970er, -80er Jahren bei einer Fahrt im Aufzug. Die Konturen der Ziffern sind deutlich durch das Raster bestimmt.

Die erste Zahl der Minutenanzeige wird mittels eines etwas älteren LED Punktrasters angezeigt, bei dem jeder Punkt noch aus einem separat ansteuerbaren roten, grünen und blauen Lämpchen besteht und so farbintensive Op-Art Übergänge während der Entstehung der Zahlen ermöglicht. LED Anzeigen bespielen seit der Jahrtausendwende grossflächig den öffentlichen urbanen Raum. Die lebendige Buntheit des wechselnden Zusammenspiels der Primärfarben kontrastiert mit den monochromen Tafeln der Stundenziffern.

Die zweite Ziffer der Minutenanzeige schliesslich bedient sich der aktuellen Technik eines auf TFT Dünnschichttransistoren basierenden Displays, welches von einer hardwarebeschleunigten Grafikkarte bespielt wird. Doch auch sie ist bereits wieder in neueren Formaten auf dem Markt erhältlich. Diese im Minutentakt wechselnde Ziffer ist am weichsten, quasi nahtlos fliessend gezeichnet. Die Konturen sind zart und frei von sichtbaren Pixelrastern, die Farbübergänge verwischen nahtlos malerisch in einander.

Der Künstler überträgt seine dem Werk vorangehende, intensive Auseinandersetzung mit den spezifisch ästhetischen Qualitäten der einzelnen Technologien und der externen Zusammenarbeit mit Spezialisten direkt auf unsere Wahrnehmung. Durch die Arbeit am Medium sind sowohl intendierte als auch zufällig entstandene ästhetische Bildsprachen verwendet, bzw. entdeckt worden, wie etwa der weiche Übergang zwischen opak und transparent der LCD Flüssigkristalle.

Four Transitions machen den Rezipienten die ästhetischen Qualitäten der Technologien sinnlich erlebbar: Der hypnotisch reduzierte Domino-Effekt der matten Flip-Dot Tafeln, die gestuften Übergänge des charakteristisch leuchtenden Rasters der LCD Anzeige, die lebendige, schnell einander überlagernde Primärfarbigkeit der LCD Rasters und schliesslich die verführerische Nahtlosigkeit der fliessenden Übergänge der TFT Programmierung. Four Transitions schafft eine sinnliche und je nach Rezipient auch emotionale Präsenz der vier historischen Technologien. Die unverwechselbare Ästhetik, die sich genuin aus der Charakteristik der Technologien selbst ergibt, erschliesst sich unmittelbar und in Echtzeit.

Die Arbeit Four Transitions basiert auf einem Konzept, dass der Künstler 2014 zusammen mit Alex Rich entwickelt hat.

Biografie des Künstlers:

Jürg Lehni works collaboratively across disciplines, dealing with the nuances of technology, tools and the human condition. His works often take the form of platforms and scenarios for production and research, such as the drawing machines HektorRita and Viktor, as well as software-based structures and frameworks, including Paper.jsScriptographer and Vectorama.org, platforms designed to combine and explore computational and manual ways of working with graphical form and expression.

Lehni has shown work internationally in group and solo shows at the MoMA New York, Walker Art Center, Centre Pompidou, Institute of Contemporary Arts London, Victoria and Albert Museum, Design Museum London, Kunsthalle St. Gallen, etc. In 2015, his work Viktor has been acquired by the SFMOMA for their collection.

He runs an independent studio practise in Switzerland since 2002, but has lived and worked in many places around the globe: As Associate Professor of Interaction Design at the Parsons School of Art, Media, & Technology in New York in 2016 – 2017, the Arts Council Visiting Professor at the UCLA Department of Design Media Arts in 2012 – 2013, running his own studio in London in 2008 – 2011, on a Swiss Design Awards residency in New York in 2007, and on a research residency at Sony SET Studio in Tokyo in 2006.