Im Gespräch mit Casey Reas
Isabella Maund: Kannst du uns kurz erzählen, worum es in der Ausstellung geht und was wir erwarten können?
Casey Reas: Diese Ausstellung hat zwei Aspekte: Vor allem markiert sie den Beginn eines neuen Projekts und gleichzeitig dokumentiert sie Ideen, an denen ich bereits seit sehr langer Zeit arbeite.
Zwischen 2004 und 2010 schuf ich die Werkgruppe Process Series. In diesen sechs Jahren erforschte ich vielfältige Konzepte zur Emergenz in natürlichen Systemen. Dabei nutzte ich Software nicht dazu, die Natur zu simulieren, sondern um Formen entstehen zu lassen, die von den Funktionsweisen der Natur inspiriert waren.
Seit einigen Jahren freue ich mich sehr darauf, diese Arbeit wieder aufzunehmen, sie weiterzuentwickeln und in neue Richtungen voranzutreiben. Anstatt daraus eine in sich abgeschlossene Ausstellung zu machen, soll man sich das Ganze eher als eine Art Residenz oder als ein Atelier bei virtual.hek.ch vorstellen.
Die Ausstellung umfasst zwar eine Dokumentation früherer Arbeiten mit Bildern, Videos und Links zu Publikationen, doch die Kernidee besteht darin, dass ich jede Woche eine neue Skizze für dieses entstehende Werk schaffe. Jede davon beginnt mit einem kleinen Aquarell, das ich live auf virtual.hek.ch male. Dieses Gemälde dient dann als visuelle Anleitung für eine Software, die später entwickelt wird.
Es handelt sich also nicht einfach um ein Archiv bereits fertiggestellter Arbeiten, sondern um einen Ort an dem neue Werke entstehen. Das ist der „in situ“-Aspekt. Die Ausstellung wird sich von Woche zu Woche weiterentwickeln, und ich weiss wirklich nicht, wie es in zwei Monaten aussehen wird.
IM: Was passiert während der Live-Sessions?
CR: Ich werde sehr intuitive Aquarellbilder malen und mich hoffentlich mit den Leuten unterhalten, die vorbeischauen, und mit ihnen über die Arbeiten ins Gespräch kommen. Ich habe vor, eine Kamera von oben so zu positionieren, dass sie meinen Arbeitsbereich zeigt, da dort während der Sessions ein Grossteil des Geschehens stattfinden wird.
Ich habe so etwas noch nie zuvor gemacht und bin gespannt, was dabei herauskommen wird. Normalerweise arbeite ich ein paar Jahre im Atelier, dann gibt es irgendwann eine Vernissage, an der ich dann über meine Werke. Ich finde es sehr interessant, diesen Ablauf umzukehren und mich bereits während des Entstehungsprozesses über die Werke auszutauschen.
IM: Sie haben erwähnt, dass die Aquarelle „Scores“¹ für die Software sind. Wie funktioniert das?
CR: Die Bilder dienen dazu, die Umgebung zu definieren, in der die Software arbeitet. Die Striche, die ich mit meiner Hand setze, werden Teil der Struktur für das, was als Nächstes geschieht.
Als ich die frühere Process Series schuf, arbeitete ich mit Text „Scores“, ganz in der Tradition von Künstlern wie Sol LeWitt und den Fluxus-Künstler*innen. Im letzten Jahr habe ich mich mit visuellen „Scores“, Diagrammen und Notationssystemen beschäftigt. Diese neue Arbeit stellt also einen Übergang von textbasierten zu visuellen Anleitungen dar. Ich entwickle eine Reihe von Verhaltensweisen für kleine Software-Agents und setze sie in einer simulierten oder virtuellen Umgebung zusammen. Sie folgen diesen Verhaltensweisen, und die Form entsteht aus dem Zusammenspiel dieser unabhängigen Elemente. Was mich daran begeistert, ist, diese Brücke zu schlagen zwischen dem, was ich direkt mit meiner Hand mache, und dem, was später in der Software geschieht.

Casey Reas, Process Compendium (X-5), 2026. Courtesy of the artist.
IM: Du sprichst von „Emergenz“, wenn du über deine Arbeit sprichst. Was bedeutet das für dich?
CR: Damit setze ich mich schon seit über 30 Jahren auseinander! Für mich bedeutet Emergenz, dass Dinge geschehen, die in den einzelnen Elementen nicht eingeschrieben sind. Ich lege die Regeln fest und erschaffe die Software-Agents, aber sobald sie einmal geschaffen sind, handeln sie eigenständig, unabhängig von meinem Willen oder meiner Absicht. Die Art und Weise, wie sie miteinander interagieren, erzeugt sekundäre Verhaltensweisen, über die ich keine Kontrolle habe.
Es gibt zwei Begriffe, die ich verwende, um darüber nachzudenken. Der eine ist autographisch: mit den Händen oder dem Körper schreiben, auf direkte Weise gestalten. Der andere ist allographisch: mit etwas anderem als sich selbst schreiben.
Ich betrachte Software als einen allographischen Schreibprozess. Es ist ein Prozess, bei dem ich die Elemente zusammenstelle, die dann jedoch ihren eigenen Regeln und Verhaltensweisen folgen. In dieser neuen Arbeit verbindet die Aquarellmalerei diesen direkten, autographischen Prozess mit dem, was später in der Software geschieht.

Casey Reas, Process 6 (image 4), 2005. Courtesy of the artist.
IM: kannst du uns etwas über den Titel, Omnia Ex Natura: In Situ erzählen?
CR: Omnia Ex Natura: In Situ bedeutet „Alles aus der Natur vor Ort”.
Als ich mich erneut mit dieser von der Biologie inspirierten Arbeit befasste, wollte ich die Sprache der Biologie als Rahmenkonzept nutzen. Mit dem Titel habe ich mich auf die Art und Weise, wie Latein zur Erstellung von Taxonomien und Nomenklaturen zur Klassifizierung der Natur verwendet wird, bezogen.
Als ich die erste Process Series schuf, war alles nummeriert: Process 4, Process 5, Process 6. Heute bin ich der Meinung, dass das zu starr war.
Was mir an dieser lateinisierten Struktur aus der Biologie gefällt, ist, dass die Dinge knorriger, rhizomatischer und weniger linear sein können, denn die Arbeit ist alles andere als linear.

Stones in Casey Reas‘ Studio. Courtesy of the artist.
IM: Die Natur ist ein wichtiger Bezugspunkt in deiner Arbeit. Was bedeutet das für dich, und woher kommt diese Inspiration?
CR: Für mich geht es in meiner Arbeit nicht wirklich um eine visuelle Abstraktion der Natur, sondern eher um eine funktionale Abstraktion der Natur: wie Dinge funktionieren, wie sie auf zellulärer Ebene wirken – und nicht auf der Ebene unserer Wahrnehmung.
Dieses Interesse ist auch sehr persönlich. In der Natur zu sein, zu wandern, zu sitzen, einfach Zeit im Freien zu verbringen, war schon immer ein wesentlicher Teil meines Lebens. Ich bin in einer eher ländlichen Gegend in den Vereinigten Staaten aufgewachsen, habe ständig gezeltet, war viel draussen, und ich habe schon immer eine sehr starke Verbundenheit mit der Natur empfunden.
Ich würde sagen, meine beiden grössten Einflüsse sind andere Formen der Kunst und die genaue Beobachtung: Zeit in Museen zu verbringen, Dinge anzuschauen, zu lesen und zu betrachten, aber auch die Welt selbst zu beobachten. Ich habe eine Sammlung von Eicheln und eine riesige Sammlung von Steinen. Sie sind überall, auf jedem Regal in meinem Atelier.
“Life is not binary. That’s why I’m hesitant to call this ‘alive.’ There’s no clear line, as much as we would love it to be.”
—Kate Adamala, Synthetic Biologist
IM: Die Ausstellung beginnt mit Kate Adamalas Idee, dass das Leben nicht binär ist, dass es keine klare Grenze zwischen dem Lebendigen und dem Nicht-Lebendigen gibt. Was gibt dir das Gefühl, lebendig zu sein?
CR: Erfahrungen zu machen, die Welt wahrzunehmen. Morgens joggen zu gehen, wandern zu gehen, dazusitzen und zu meditieren, eine andere Person zu berühren, mich mit meinen Kindern zu unterhalten. Einfach diese Art von sinnlichen Erfahrungen.
Für mich besteht ein grosser Teil des Künstlerdaseins darin, mit diesen Erfahrungen in Verbindung zu treten. Bei meiner Arbeit geht es vor allem darum, ästhetische Erfahrungen für mich selbst und für andere Menschen zu kreieren.
IM: Im HEK setzen wir im Rahmen des Vermittlungsprogramms das Programmieren häufig als kreatives Werkzeug ein. Du hast Processing mitbegründet und unterrichtest seit vielen Jahren junge Künstler*innen und Designer*innen im Programmieren. Angesichts der zunehmenden Verbreitung von KI-gestütztem und promptbasiertem Programmieren: Glaubst du, dass man programmieren dennoch lernen sollte?
CR: Meine Ansichten dazu ändern sich von Tag zu Tag und von Woche zu Woche, aber ich bin derzeit sehr positiv gestimmt. Ich unterrichte junge Künstler*innen und Designer*innen seit 20 Jahren an der UCLA im Programmieren, und das promptbasierte Programmieren hat die Unterrichtsatmosphäre komplett verändert. Ich betrachte es als eine andere Art des Lernens.
Ich bin der Überzeugung, dass Programmieren nicht technisch ist. Stattdessen verstehe ich Programmieren als eine Denkweise. Diese Denkweise zu erlernen, ist das eigentliche Ziel. LLMs können die Lernmöglichkeit zunichte machen, wenn man einfach sagt: „Mach das hier.“ Aber sie können einem auch helfen, tiefer in ein Thema einzusteigen: Sie können etwas erklären, vereinfachen, aufschlüsseln und auf andere Weise erneut erläutern.
Also ja, ich glaube, dass Menschen weiterhin programmieren lernen müssen. Aber wie tiefgehend sie sich damit auseinandersetzen müssen, hängt davon ab, was sie erschaffen wollen und wohin ihre Ideen führen sollen.
IM: Noch abschliessende Worte?
CR: Kommt zu dur Eröffnung und nehmt an den Live Sessions teil! Hoffentlich wird es eine abwechslungsreiche und unterhaltsame Zeit. Mir ist es sehr wichtig, mich schon während der Entstehung des Werks darüber auszutauschen, anstatt erst nach am Ende darüber zu sprechen. Das ist ein wesentlicher Bestandteil dieses Experiments, daher hoffe ich sehr, dass die Leute vorbeischauen, wenn sie Zeit haben.
nimm teil an der Online-Eröffnung am Freitag, 28. August 2026, um 18:00 Uhr CEST auf virtual.hek.ch.
Du kannst der Ausstellung beim Entstehen zuschauen und an einer der Live-Studio-Sessions von Casey Reas teilnehmen:
SKETCH #002 — Live Studio Session mit Casey Reas
04.09.2026, 18:00 CEST
SKETCH #003 — Live Studio Session mit Casey Reas
11.09.2026, 18:00 CEST
SKETCH #004 — Live Studio Session mit Casey Reas
18.09.2026, 18:00 CEST
SKETCH #005 — Live Studio Session mit Casey Reas
25.09.2026, 18:00 CEST
SKETCH #006 — Live Studio Session mit Casey Reas
02.10.2026, 18:00 CEST
SKETCH #007 — Live Studio Session mit Casey Reas
09.10.2026, 18:00 CEST
SKETCH #008 — Live Studio Session mit Casey Reas
16.10.2026, 18:00 CEST
SKETCH #009 — Live Studio Session mit Casey Reas
23.10.2026, 18:00 CEST
¹ Referenz auf eine Partitur, die Reas jedoch freier interpretiert und eher als einen visuellen Code für die Entstehung des digitalen Werks verstanden werden kann.