Die Entstehung von Guide to DAOs

Hannah-Katharina Chabbani und Marc Bredemeier, Gewinner:innen des Friends of HEK Open Call, interviewen sich gegenseitig über ihren Prozess bei der Entwicklung des Guide to DAO’s.

Hannah-Katharina Chabbani und Marc Bredemeier sprechen über ihr Projekt Guide to DAOs: Decentralised Autonomous Organisations for the Cultural Sector, das am 30. August 2025 im Rahmen der Kunsttage Basel im HEK (Haus der Elektronischen Künste) als interaktive Installation präsentiert wird. Der Guide erscheint dabei als Live Annotation Wall, eine kollektive Kommentarwand, die vor Ort dargestellt wird und zu Reaktionen sowie Reflexionen über digitale und institutionelle Beteiligungsmodelle einlädt. Die Berliner DJs Sloush und Zarrt remixen Auszüge des Guide zu einer ambienten Klanglandschaft. Teilnehmer:innen erhalten außerdem eine einjährige Mitgliedschaft im Discord-Server der Friends of HEK, um den Austausch fortzusetzen, Projekte vorzuschlagen und an gemeinsamen Entscheidungen teilzunehmen.

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Hannah: Gibt es etwas, worüber du direkt sprechen möchtest oder das dir seit gestern im Kopf geblieben ist?

Marc: Was braucht man eigentlich, um ein DAO aufzubauen? Also für Leser:innen erklärt, die überhaupt nichts über DAOs wissen?

Hannah: Die Abkürzung DAO steht für Decentralized Autonomous Organization. Die Struktur ist horizontal, und autonom bedeutet, dass das System, sobald es einmal eingerichtet ist, nicht einfach nach Belieben verändert werden kann. Wenn man etwas ändern will, muss das kollektiv über Abstimmungsmechanismen geschehen. Der dezentrale Ansatz bedeutet also, dass Entscheidungen geteilt werden. Wichtig ist aber: DAOs müssen nicht vollständig on-chain sein. Eine Organisation kann auch mit DAO- typischen Werten wie Partizipation und geteilter Steuerung experimentieren, ohne Blockchain-Technologie zu nutzen. Das nennen wir off-chain. DAOs existieren also auf einem Spektrum: von vollständig blockchainbasierten Rechtseinheiten bis hin zu informellen, analogen Kollektiven, die mit Dezentralisierung experimentieren.

Marc: Also ein Hybrid, im Sinne der Nutzung von DAO-Technologie?

Hannah: Ja, in der Nutzung der Technologien. Im Guide gibt es einen Abschnitt namens FUTURES  mit einer Karte, die fragt: Wo verortet sich dein Projekt? Ist es off-chain oder on-chain? Institutionell oder von unten organisiert? Es ist nicht schwarz-weiss, sondern eher grau. Man kann DAO-Prinzipien schrittweise umsetzen, ohne je mit Blockchain zu arbeiten. Und das ist bereits wirkungsvoll.

Marc: Ein DAO geht also weniger darum, bestehende Systeme zu ersetzen, sondern bietet vielmehr Werkzeuge an, um mit Strukturen zu experimentieren. Das kann hilfreich sein für Abstimmungen, Entscheidungsfindung oder die Reaktion auf reale Herausforderungen.

Hannah: Ja, und vielleicht ist es gar nicht so wichtig, ob man es DAO nennt. Wichtiger ist, dass es Ideen und Tools bereitstellt, die uns helfen, reale Probleme gemeinsam zu lösen

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Guide to DAOs: Live Annotation Wall auf Figma, 2025 ……………………………………………….………………………….………………………….…

Hannah: Lass uns ein bisschen über uns sprechen.

Marc: Das geht zurück auf unsere gemeinsame Zeit bei KW (Kunst-Werke) in Berlin. Wir sassen nebeneinander und haben uns über unsere überschneidenden Interessen unterhalten. Ich erinnere mich, dass du dich schon für Blockchain interessiert hast, während ich mich eher mit KI beschäftigt habe.

Hannah: Ja! Und du warst es, der mich ermutigt hat, am Black Swan DAO Hackathon 2021 bei KW teilzunehmen. Dort haben wir DAO-Governance über ein LARP (Live Action Roleplay) simuliert. Wir haben Rollen mit festgelegten Charaktereigenschaften übernommen und um verschiedene Ressourcen konkurriert. Die Organisator:innen teilten uns in Gruppen ein, die unterschiedliche Modelle von Governance-Strukturen repräsentierten. Diese Erfahrung war für mich eine echte Inspiration.

Marc: Und später, 2023, wurdest du Teil der Ausstellung other AI, die ich in Berlin kuratiert habe, obwohl du da schon gar nicht mehr in Berlin gewohnt hast.

Hannah: Genau. Du hast mir geschrieben und gesagt: «Ich weiss, dass dich diese Konzepte interessieren, also lass uns reden.» Und dann haben wir unser altes Gespräch über Blockchain, DAOs, KI und deren Schnittmengen wieder aufgenommen. Daraus entstand, dass ich beim other AI Projekt mitgemacht habe, wo ich eine Fortführung meines On-Chain-Kunstwerks KEY gezeigt habe, das ich während eines dreitägigen IRL-Checkpoints 2022 im KW an die Teilnehmer:innen verteilt habe.

Marc: Und dann der Friends of HEK Open Call in meinem Postfach. Ich musste sofort an dich denken. Wir haben den Vorschlag gemeinsam eingereicht. Und hier sind wir nun.

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Installationsansicht eines Werks von Hannah-Katharina Chabbani, EXPERIMENT SERIES: #2 UNLOCKED aus der Ausstellung other AI, Lobe Space, Berlin 2023; Foto: Jacopo La Forgia ……………………………………………….………………………….………………………….…

Die Entstehung des Guide to DAOs

Hannah: Ich wollte schon lange ein Onboarding-Tool entwickeln, etwas der Menschen hilft zu verstehen, was DAOs sind und wie man sich beteiligen kann. Die Idee war, etwas zu vermitteln, das gleichzeitig Gespräche anregt. Der Guide kann viele Formen annehmen und diese Formate waren uns sehr wichtig.

Marc: Genau. Wir haben viel über Zugang und Barrieren gesprochen. Das waren wiederkehrende Themen. Wir wollten die Schwellenangst nehmen. Viele denken bei DAOs sofort an Technik oder an regulatorische Komplexität.

Hannah: Von Anfang an war uns klar, dass wir die Friends of HEK-Community einbeziehen wollten. Nicht nur über sie schreiben, sondern mit ihnen, in einem kollaborativen Prozess. Deshalb haben wir Frances Liddell kontaktiert, deren vorheriges Projekt mit dem Titel Fostering Digital Cultural Participation eine dreimonatige Forschungsstudie zu Beteiligungshürden innerhalb der Friends of HEK war. Ihre Arbeit passte perfekt zu unserem Vorhaben.

Marc: Ja, daraus wurde, was wir den partizipativen Prozess nannten. Frances nahm an unseren Calls teil, brachte sich in die Gespräche ein und wird hoffentlich auch bei der Eröffnung in Basel vor Ort sein. Uns ging es darum, etwas anzustoßen, das nicht extraktiv ist, sondern eingebettet.

Hannah: Sie identifizierte Punkte wie besseres Onboarding, klarere Kommunikation im Discord, mehr Events und Wege, Beteiligung sichtbar zu machen. Und genau dieser letzte Punkt war uns wichtig. Wir wollten mit Publikationsmodellen experimentieren und die Arbeit hinter dem Projekt sichtbar machen. Also: Wie kann man diese vielen Stunden und Beiträge abbilden?

Marc: Der Guide begann als 75-seitiges Recherche-Dokument…

Hannah: …das schnell unzugänglich wurde! Also sind wir zur Kernidee zurückgekehrt: etwas Kurzes, Klareres, Offenes. Dann kam die Formatfrage. In Basel zeigen wir den Guide als Live Annotation Wall, auf der Menschen direkt Kommentare hinterlassen können.

Marc: Und ausserdem mixen die DJs Sloush und Zarrt Auszüge aus dem Guide  in ein Ambient-Soundscape. Eine Art sonic DAO-Immersion.

Um den Guide to DAOs: Live Annotation Wall zu sehen, scanne den QR-Code. ……………………………………………….………………………….………………………….…

Was sind die Herausforderungen?

Marc: Lass uns über einige kritische Reflexionen sprechen. Für mich ist die Frage: Was passiert, wenn wir, (also du, ich und andere aktiv im Kulturbereich Engagierte) nicht informiert bleiben? Technologien warten nicht. Sie werden von Unternehmen, politischen Entscheidungsträger:innen oder Entwickler:innen ausserhalb unserer Netzwerke übernommen, manchmal ohne viel Prüfung und manchmal mit Risiken. Wir sehen schon jetzt, wie stark digitale Infrastrukturen unser Leben beeinflussen, noch viel mehr als in den 80er oder 90er Jahren. Wir müssen aktiv sein, nicht passiv.

Hannah: Genau. Gerade im Kulturbereich sollten wir uns fragen: Wofür ist eine Institution heute da? Erfüllt sie noch ihre Aufgabe, dem Gemeinwohl zu dienen, freien Zugang zu Wissen zu schaffen und Teilhabe zu fördern?

Marc: Diese Werte geraten zunehmend unter Druck. Symbolische Gesten zu Diversität oder Zugang führen nicht automatisch zu strukturellen Veränderungen.

Hannah: Der DAO-Ethos und die sich schnell entwickelnde Technologie (wie z. B. KI) können helfen, Governance neu zu denken und diese Grundwerte wieder zu etablieren. Aber wir müssen auch anerkennen, dass es hier nicht nur um Technologie geht, sondern um Menschen. Welche Art von Zukunft gestalten wir, wenn die Automatisierung über zentrale Entscheidungen bestimmt? Und wer ist in diese Entscheidungen einbezogen?

Marc: Es gibt viel Begeisterung für DAOs, aber auch berechtigte Bedenken. Ich bin ehrlich gesagt skeptisch, ob es wirklich Wirkung zeigt, wenn wir nicht auch strukturelle Privilegien thematisieren. Der westliche Kanon dominiert weiterhin. Viele Kulturen werdenausgeschlossen. Wenn wir also Tech-Tools einsetzen, dann müssen wir das grenzüberschreitend und ethisch denken.

Hannah: Es ist also entscheidend, verantwortungsvoll mit diesen Entwicklungen umzugehen. Nicht Technologie unkritisch zu feiern, sondern zu fragen: Wie kann sie dem Gemeinwohl dienen? Dafür sind Kulturinstitutionen da. Können diese Tools dabei helfen, ihre Werte zu verteidigen?

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Marc: Was motiviert dich eigentlich persönlich, dich so intensiv mit DAOs und diesen digitalen Tools zu beschäftigen?

Hannah: Ich werde nie vergessen, als ich 2021 die Blockchain-Kunstplattform hicetnunc.xyz entdeckte. Der Gründer nannte sie ein sozioökonomisches Experiment –24/7-Voice-Chats, internationale Community, gemeinsames Lernen durch Praxis. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass diese Werkzeuge enorm wirksam für Kultur, Governance, Erinnerung und Verbindung sein können.

Marc: Und es war von der Community geführt. Alle haben voneinander gelernt. Ganz anders als in hierarchischen Modellen.

Hannah: Ja. Genau das versuchen wir im Guide zu zeigen: unterschiedliche Perspektiven, wie man Web3-Tools verstehen und anwenden kann. Ich wollte noch sagen: Als kulturell Arbeitende unserer Zeit leben wir im digitalen Zeitalter, und alles Digitale wird damit Teil unserer Kultur.

Marc: Und was hoffst du, nehmen Institutionen daraus mit?

Hannah: Dass sie inklusiver werden. Dass sie mehr Realitäten und Stimmen abbilden. Dass sie Dezentralisierung nicht als Bedrohung sehen, sondern als Chance für mehr Relevanz.

Marc: Viele Institutionen bilden immer noch nur einen kleinen Ausschnitt der Gesellschaft ab. Sie tragen gesellschaftliche Normen mit und entscheiden, was als wertvoll gilt. Es gibt viel Gatekeeping. Vielleicht können diese Werkzeuge helfen, etwas zu verändern, wenn sie mit Bedacht eingesetzt werden.

Hannah: Ich finde, das passt gut. Ich bin zufrieden damit.

Marc: Gut, dann stoppe ich die Aufnahme.

Hannah: Mm-hmm.

[GERÄUSCHE VON PAPIERKNITTERN] [BLANK_AUDIO]

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