Lauren Lee McCarthys AUTO: Eine gemeinsame Begegnung mit autonomen Systemen
«Hey you, Totally Auto. Don’t think. Just follow. Nobody’s driving. Lose control. We’re making a new vehicle. We’re becoming Auto.» Mit diesem Einstieg eröffnet Lauren Lee McCarthy ihr Projekt AUTO – eine Arbeit, die fragt, was es heisst, sich von Systemen lenken zu lassen und wo unsere eigene Handlungsmacht dabei bleibt.
McCarthy ist eine chinesisch-amerikanische Künstlerin, die sich in ihrer Praxis mit Intimität, Handlungsspielräumen und Formen der Fürsorge innerhalb technologischer Systeme beschäftigt. Sie arbeitet mit Performance, Code und Installation und untersucht, wie Technologie unser soziales Verhalten strukturiert. Als Entwicklerin von p5.js hat sie kreatives Programmieren für viele Menschen zugänglicher gemacht und den Fokus auf Inklusion und Offenheit in der digitalen Kultur gelegt. Ihre Arbeit knüpft an eine Tradition von Künstler:innen an, die Machtverhältnisse sichtbar machen und neu denken. McCarthy bewegt sich dabei nicht ausserhalb der Systeme von Überwachung und Automatisierung, sondern arbeitet bewusst in ihrem Inneren. Ihre Projekte wurden international ausgestellt. 2020 war sie bereits im HEK zu sehen, in der Ausstellung «Real Feelings» mit der interaktiven Installation Vibe Check, die die emotionalen Reaktionen der Besucher:innen aufeinander untersuchte.
Für das Zürcher Programm «Kunst im öffentlichen Raum» (KiöR), das von Sabine Himmelsbach, Direktorin des HEK, kuratiert wurde, realisierte McCarthy AUTO auf dem Münsterhof. Auf dem Platz stand ein kompakter, selbstfahrender Postauto-Shuttle. Die leuchtend gelbe Farbe ist in der Schweiz sofort erkennbar, während die abgerundete, futuristische Form auf die aktuellen Projekte von PostAuto verweist, in denen autonome Fahrzeuge für die zukünftige Mobilität getestet werden. Aus diesem Kontext herausgelöst und mitten in die Stadt versetzt, wurde der Shuttle zu einem Ausgangspunkt, um über Automatisierung, öffentlichen Raum und gemeinsames Entscheiden nachzudenken.
In der EU arbeiten heute neun von zehn Beschäftigten regelmässig mit digitalen Werkzeugen, und ein Drittel nutzt bereits KI-gestützte Tools, etwa Chatbots oder Büroassistenzsysteme. Gleichzeitig nehmen digitale Überwachung und automatisierte Entscheidungsprozesse zu, was Fragen nach Datenschutz, Arbeitsbelastung und Autonomie aufwirft. Entscheidungen darüber, wo und wie Automatisierung eingesetzt wird, liegen häufig bei wenigen Institutionen und Unternehmen. Die Menschen, die mit den Folgen leben müssen, haben dagegen nur begrenzten Einfluss auf die Gestaltung dieser Systeme.


McCarthy ordnet das Werk in die grösseren Zusammenhänge ein:
«As AI proliferates, human labor is devalued and replaced. Wealth and power is concentrated among the most privileged and highly-educated. The design of automated systems is never neutral and has very significant risks when it comes to moving vehicles. As technology advances faster than regulation, decisions about how to respond to risks and how to ethically test these systems are made with little oversight.»
In der Schweiz ermöglichen neue gesetzliche Rahmenbedingungen nach Jahren kontrollierter Testläufe nun einen breiteren Einsatz hochautomatisierter Fahrzeuge. Diese Projekte versprechen mehr Flexibilität im öffentlichen Verkehr, sind jedoch auf grosse Mengen an Daten und Energie angewiesen. Dadurch entstehen Fragen nach Sicherheit, Zugang und den ökologischen Auswirkungen solcher Systeme. Gleichzeitig wird ein grundlegenderes Thema sichtbar: Wer gestaltet eigentlich die automatisierten Infrastrukturen, die unseren Alltag prägen? McCarthy betont, dass AUTO «repositions the participants in the role of AI, offering a human view into the processes at play, while emphasising their own agency in decision making.». Auf dem Münsterhof wurde dieser Gedanke aus der Abstraktion herausgelöst und zu einer konkreten, gemeinsam erlebten Erfahrung.
Für AUTO konnten sich Besucher:innen für 30-minütige Testfahrten anmelden. Nach einem kurzen Einführungsvideo folgten die Gruppen einer markierten Linie über den Platz bis zum Fahrzeug. Im Inneren blieb der Shuttle jedoch stehen. Statt einer Fahrt gab es Klänge, und auf einem Bildschirm erschienen Wörter, die die Gruppe im selben Moment laut mitsang. Zwischendurch erhielten die Teilnehmenden kleine Aufforderungen: das Fahrzeug zu verstellen, miteinander zu interagieren oder über Themen wie Kontrolle, Tempo, Fortschritt und Vertrauen nachzudenken. McCarthy beschreibt diesen Moment so: «Passengers learn what they’re saying just as it comes out of their mouths.»
Aus der vermeintlichen Testfahrt wurde ein gemeinsamer Prozess, bei dem die Gruppe selbst den Antrieb übernahm. Die Rollen verschoben sich: von Passagier:innen zu Motor, von Nutzer:innen zu einem Teil des Systems. Für einen kurzen Augenblick erlebten die Teilnehmenden die Logik der Automatisierung von innen heraus.
Einen autonomen Shuttle mitten auf einem öffentlichen Platz zu platzieren, macht eine weitere Spannung sichtbar. Welche Fahrzeuge fördern und entwickeln wir eigentlich? Welche Wege und Bewegungsmuster schreiben wir damit in die Zukunft? Wer erhält Zugang zu sauberer Luft, Zeit, Sicherheit und Mobilität – und wer muss sich an Systeme anpassen, die für andere entworfen wurden?
«AUTO becomes a model of an autonomous system developed by the people using it,» schreibt McCarthy. Dieser Gedanke entspricht auch dem Interesse des HEK an Technologien, die gemeinsam mit der Öffentlichkeit gestaltet werden. Das gemeinsame Singen ist dabei etwas Intimes und sehr Vertrautes, mit Anklängen an Protest, Gebet oder Karaoke. In AUTO wurde dieser einfache Akt zu einem Gegenpol zur automatisierten Choreografie. Er lenkte die Aufmerksamkeit auf Präsenz und Verbindung innerhalb eines Systems aus Anweisungen.
In einer Zeit, in der so vieles automatisch für uns geschieht, rückte AUTO die eigene Stimme und die gemeinsame Aufmerksamkeit wieder in den Vordergrund. Das Postauto blieb stehen, doch die Erfahrung setzte sich in Bewegung. Sie machte spürbar, wie es ist, sich gemeinsam in einem System zu befinden, dem wir sonst meist vertrauen, ohne es je wirklich wahrzunehmen.
Credits:
AUTO Münsterhof, Lauren Lee McCarthy, 2025
Commissioned by Kunst im öffentlichen Raum (KiöR)
Curated by Sabine Himmelsbach, Haus der Elektronischen Künste
Photography: Peter Baracchi